NEUE FARBKONZEPTE ODER DIE RÜCKKEHR DER SINNLICHEN OBERFLÄCHE – Wohngesunde Farben und neue Materialqualitäten oder warum Oberflächen immer wichtiger werden.

Ich liebe Farbe. Aber nicht, weil ich Räume gerne bunt mache.
Neue Farbkonzepte: Mich interessiert vielmehr, was Farbe mit einem Raum – und mit uns – macht. Warum ein tiefes Blau einen Raum plötzlich still werden lässt. Warum ein warmer Lehmton Geborgenheit erzeugt. Warum eine Oberfläche im wechselnden Licht manchmal wichtiger ist als der Farbton selbst. Im aktuellen md-Beitrag von Odette Schumann 

„In die Vollen – Kompromisslose Farben als Stilmittel“ (md interior · design · architecture, Ausgabe Juli/August 2026, S. 52-56)

durfte ich einige Statements aus einem längeren Interview beisteuern über Farbtrends, Materialität, Farbkonzepte, wohngesunde Oberflächen und darüber, warum Interior Design für mich immer weniger mit Architektur und immer mehr mit Atmosphäre, Identität und Sinnlichkeit zu tun hat. -> Link zum md Plus Beitrag

Danke Odette Schumann und das MD-Team für das Gespräch über ein Thema, das mich seit Jahren nicht loslässt: Farbe als räumliche und emotionale Regie.

Jetzt das ganze Interview hier:

Farbkonzepte Küche mit Sitznische

Im Briefing für das Farbkonzept der jungen Familie fiel auch das Wort Punk…

WARM, ERDIG, SINNLICH – Welche Farben prägen derzeit das Interior Design?

Im Residentialbereich beobachte ich derzeit eine klare Präferenz für warme, erdige Mischtöne. Besonders gefragt sind sandige Beige- und Greigetöne mit feinen Rotnuancen, die Räume sofort wärmer und wohnlicher wirken lassen. Dazu kommen pastellige Grün-Grautöne wie Olive, Salbei oder Celadon sowie Grau-, Grünblau- und Blaugrautöne, die oft mit tiefen Maroonfarben – also komplexen Mischungen aus Braun und Rot – kombiniert werden.

Interessant ist, dass Farbkonzepte für Räume insgesamt mutiger und atmosphärischer gedacht werden. Schlafzimmer werden deutlich dunkler als früher geplant: mit abgestuften Blautönen, tiefen Petrolfarben oder satten Dunkelgrüntönen. Es geht weniger um dekorative Farbigkeit als um Ruhe, Rückzug und ein Gefühl von Geborgenheit.

Im Residentialbereich beobachte ich derzeit eine klare Präferenz für warme, erdige Mischtöne. Besonders gefragt sind sandige Beige- und Greigetöne mit feinen Rotnuancen, die Räume sofort wärmer und wohnlicher wirken lassen. Dazu kommen pastellige Grün-Grautöne wie Olive, Salbei oder Celadon sowie Grau-, Grünblau- und Blaugrautöne, die oft mit tiefen Maroonfarben – also komplexen Mischungen aus Braun und Rot – kombiniert werden.

Interessant ist, dass Räume insgesamt mutiger und atmosphärischer gedacht werden. Schlafzimmer werden deutlich dunkler als früher geplant: mit abgestuften Blautönen, tiefen Petrolfarben oder satten Dunkelgrüntönen. Es geht weniger um dekorative Farbigkeit als um Ruhe, Rückzug und ein Gefühl von Geborgenheit.

Auch weiße Bäder sind zunehmend out.

Stattdessen spielen Naturtöne von Lehm- und Kalkoberflächen bis hin zu Natursteinen eine immer größere Rolle. Gerade Lehm- und Kalkoberflächen werden nicht nur wegen ihrer Ästhetik populärer, sondern auch wegen ihrer wohngesunden Eigenschaften: Sie verbessern das Raumklima, regulieren Feuchtigkeit, wirken schimmelresistent und können sogar Schadstoffe aus der Raumluft absorbieren. Im Bad können Lehmdecken und -wände so eingesetzt werden, dass Spiegel und gläserne Duschwände kaum noch beschlagen.

-> Link zum Beitrag: Neue Farben für das Badezimmer

Spannend finde ich auch die Entwicklung bei Farbkonzepten für Kinder- und Jugendzimmern. Die alten Schemata „Blau für Jungen“ und „Rosa für Mädchen“ lösen sich zunehmend auf. Mädchen wählen heute oft pastellige Blau- und Grüntöne, warme Graubeiges und kombinieren diese mit Rosa-, Pink- oder Gelbnuancen. Jungen entscheiden sich dagegen erstaunlich häufig für warme gebrochene Weißtöne, Blaugrau oder sogar sehr dunkle Anthrazittöne. Interessanterweise spielt hier das Thema Gaming eine große Rolle, weil dunklere Räume bessere Bildschirmkontraste ermöglichen und dadurch eine stärkere immersive Atmosphäre schaffen.

Begründung: Zum einen wird der private Rückzug in ein warmes, wohnliches und entspannendes Zuhause, das regenerativ und inspirierend ist als Gegenpol zu einer unsicheren und fordernden Welt immer wichtiger zum anderen setzen sich über Social Media Bildwelten und Raumatmosphären, wie Scandinavian, Japandi und Modern Contemporary als Stilvorlagen durch. 

NATÜRLICHKEIT ALS GEGENWELT – Wie Farben mit Materialien korrespondieren

Die aktuellen Farbwelten schaffen eine beruhigende, wohnliche Bühne für Materialien und Objekte, die partiell deutlich expressiver und experimenteller sein dürfen. Ich denke dabei etwa an farbig getönte Glasoberflächen, spiegelnde Metalle oder reflektierende Statement Pieces, die bewusst Akzente setzen.

Gleichzeitig beobachte ich eine starke Sehnsucht nach Natürlichkeit im Lebensumfeld. Naturholzböden aus Eiche oder Douglasie, Natursteinoberflächen oder Feinsteinzeuge mit Holz- und Marmoranmutungen spiegeln genau dieses Bedürfnis wider. Dazu passen warme Naturtöne, die sich an Erden, Landschaften und Himmelsschattierungen orientieren – also Lehmfarben, Grünblau-, Blaugrau- und Sandtöne, ergänzt durch Akzente aus Violett, Rosa oder Gelb.

Die klassische Akzentwand ist dabei eigentlich tot. Interior-Konzepte entwickeln sich immer stärker zu ganzheitlichen Raumkompositionen. Farbe, Material, Oberfläche und Licht werden nicht mehr getrennt voneinander gedacht, sondern als atmosphärisches Gesamtsystem. Räume werden viel stärker personen-, funktions- und stimmungsbezogen entwickelt.

Auch Tapeten erleben dadurch ein echtes Revival – allerdings weniger dekorativ als vielmehr atmosphärisch. Wandbilder oder großflächige Muster werden eingesetzt, um Bereiche zu zonieren, Lebensräume voneinander zu unterscheiden oder inspirierende Bildwelten in den Alltag zu integrieren.

FARBE ALS ATMOSPHÄRISCHE REGIE – Wie wirken Farben allein, für sich genommen und im Zusammenspiel aber auch im Kontrast zueinander?

Die aktuellen Farbräume wirken beruhigend, natürlich, warm und öffnend. Besonders Grünblau-Mischtöne – etwa von Edward Bulmer, Volvox, Auro oder Die Verwandlung – erzeugen eine sehr weiche, fast meditative Atmosphäre.

Gleichzeitig spielen starke Kontraste in bestimmten Bereichen eine größere Rolle. Gerade Entrées, Flure oder Gästebäder verstehe ich als Transformationsbereiche – also Räume, die uns emotional auf den Übergang zwischen privatem Zuhause und öffentlichem Leben vorbereiten.

Hier arbeite ich bewusst mit Schwarz-Weiß-Kontrasten sowie starken Farb-, Form- und Musterwechseln. Unsere Wahrnehmung reagiert auf diese Kontraste besonders aufmerksam. Sie signalisieren: Jetzt beginnt etwas Neues. Du gehst hinaus oder kommst nach Hause. Eine Phase des Tages endet, eine andere beginnt.

FARBE ALS IDENTITÄT – Farben werden heute viel strategischer eingesetzt als früher: Nicht dekorativ, sondern atmosphärisch und identitätsstiftend.

In dem Frankfurter Cafe „BUNCA“, dessen Interior Design das Buna-Team in Zusammenarbeit mit mir entwickelt hat, entsteht über ein All-over-Farbkonzept eine immersive Raumwirkung, bei der Architektur und Interior nahezu miteinander verschmelzen.

In einem Schlafzimmer eines Residentail Projektes wird die horizontale Linienführung farblich betont, um Ruhe, Weite und Entschleunigung zu erzeugen. Die Abstufungen eines Blautones die zur Decke heller werden unterstützen das Landschaftsmotiv mit einer Öffnung nach oben zum Himmel.

Im tageslichtlosen Badezimmer eines Frankfurter Residential Projektes schaffen natürliche Lehm- und Kalktöne trotz kleiner Raumgröße ein überraschendes Gefühl von Großzügigkeit, Entspannung und Ruhe.

In einem Office Projekt für ein Innovation Lab visualisiert Farbe die vier Phasen des Innovationsprozess, den das Team als Methode entwickelt hat. Unterschiedliche Arbeits-Zonen unterstützen Konzentration, Kommunikation und kreative Dynamik.

DIE RÜCKKEHR DER SINNLICHEN OBERFLÄCHE - Wohngesunde Farben und neue Materialqualitäten oder warum Oberflächen immer wichtiger werden

Neben der Farbigkeit selbst verändert sich derzeit vor allem die Qualität der eingesetzten Oberflächen. Das Thema wohngesunder, VOC-freier und emissionsarmer Farben spielt eine immer größere Rolle. Wenn ich Kundinnen und Kunden mineralische oder besonders wohngesunde Systeme vorschlage – etwa von Edward Bulmer, KT.Color, Volvox, Auro oder Die Verwandlung – entscheiden sie sich trotz höherer Kosten sehr häufig bewusst dafür.

Gerade in herausfordernden und stressigen Zeiten wächst die Sehnsucht nach einem gesunden, sinnlichen Lebensumfeld.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Farbe auf glatten Wänden. Ich arbeite zunehmend mit pigmentierten Edelputzen, Kalk- und Lehmoberflächen oder mineralischen Spachteltechniken. Diese Oberflächen wirken lebendiger, weil sie Textur besitzen, Licht subtil brechen und sich im Verlauf des Tages ständig verändern.

Entscheidend ist das haptisch-sinnliche Erlebnis. Jede Oberfläche mit leichter Plastizität lädt zum Berühren ein. Und genau dieser taktile Nahsinn schafft Nähe, Identität und emotionale Bindung.

Besonders faszinierend finde ich die Wiederentdeckung von Tadelakt – einem traditionellen marokkanischen Kalkputz, den ich bereits in zwei Projekten im Bad und sogar als Küchenspiegel eingesetzt habe. Die Wirkung ist außergewöhnlich: eine samtige, mineralische Oberfläche, die ausschließlich aus natürlichen Materialien wie hydraulischem Kalk, Olivenseife und Naturwachsen entsteht. Je nach Tageszeit und Licht verändert sich ihre Wirkung permanent.

Farben, Materialien und Oberflächen müssen heute viel mehr leisten als reine Gestaltung. Sie sollen Nähe erzeugen, Individualität ermöglichen und Räume wieder zu sinnlichen, menschlichen Erfahrungsräumen machen.

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